Die Illusion der perfekten Technik
Perfekt ist der Feind von Gut. Eine der Hürden, die ich gelegentlich im Training derer sehe, die man als motiviert einstufen kann, ist der übermäßige Fokus auf perfekte Technik. Was sich im ersten Moment sicher logisch und wichtig anhört, ist in der Realität jedoch ganz klar eine Bremse des Fortschritts. Perfekte Technik, perfektige Übungsausführung ist eine Illusion.
Perfekt ist kaum möglich. Gut und vor allem besser muss das Ziel sein.
Definition einer guten Kniebeuge vs. Perfektion
Genau deswegen erklärt der erste Abschnitt meines Buchs die perfekte Kniebeuge, dass es genau genommen keine perfekte Kniebeuge gibt. Es gibt verschiedene Varianten und Techniken mit jeweils eigenen Vor- und Nachteilen. Es gibt individuelle Mechanik, basierend auf der Länge von Knochen- und Wirbelsäule, die die Ausführung individuell beeinflusst. Und natürlich die aktuelle Mobilität und Kraft, die die meisten oft limitiert.
Es gibt eine Grunddefinition, was eine gute Kniebeuge ausmacht. Bei der Variante der Kniebeuge, die ich vorziehe, sind die beiden wichtigsten Merkmale einer guten Ausführung, dass man so aufrecht wie möglich bleibt und so tief wie möglich geht. Praxisnäher heißt es, Ellbogen immer unter der Langhantel halten, so bleibt man aufrechter und dann so weit ablassen, bis der hintere Oberschenkel komplett die Wade bedeckt. So geht man automatisch tief.
Ziel bei jedem meiner Kunden und Athleten ist es, die Kniebeuge von Programm zu Programm besser zu machen, in Ausführung und in Leistung. Und zwar, indem wir sie direkt durch Varianten der Kniebeuge oder indirekt durch Assistenzübungen verbessern, ohne dass wir unnötig Zeit mit Mobility-Übungen und dem Versuch der perfekten Ausführung verschwenden.
Das Paradoxon von Mobilität und Fortschritt
In der Praxis kann man sogar beobachten, dass je mehr Zeit jemand für Mobility-Übungen und dem Versuch, die perfekte Ausführung zu lernen, investiert, desto schlechter und schwächer die Kniebeuge. Klingt paradox, ist jedoch sehr oft so. Jeder, der darüber nachdenkt, dem fällt mindestens eine Person ein, die sich konstant mit der perfekten Technik beschäftigt und die genau genommen kaum bis keine Fortschritte im Training macht Die Idee der Perfektion l Perfekt ist der Feind von Gut Der franz Philosoph Voltaire wurde unter anderem f diesen Aphorismus bekannt Wortwörtlich übersetzt heißt Que le mieux est l'ennemi du bien.
Das Beste ist der Feind des Guten. Perfektion ist Illusion. Und gerade im Training in Bezug auf Trainingsfortschrift ist der Invest in perfekte Ausführungen in der absoluten Mehrheit der Fälle reine Zeitverschwendung.
Technische Variation im Elite-Powerlifting und Gewichtheben
Selbst in Szenarien wie Gewichtheben und Powerlifting auf höchstem Leistungsniveau liegt der Fokus auf besserer Technik statt perfekter Technik. Das wird vor allem darin deutlich, dass es auf höchstem Niveau keine einheitliche perfekte Technik gibt. So hat zum Beispiel der russische Powerlifting-Trainer Boris Schaiko über 200 Weltrekorde im Bankdrücken analysiert und festgestellt, dass es auf Weltrekordniveau ca. 10 verschiedene Techniken zur Ausführung des Bankdrücken gibt. Und nicht eine Technik, sondern 10 verschiedene Techniken, alle mit ihren eigenen Vor- und Nachteilen.
Und im Regelfall von jedem Einzelnen basierend auf den individuellen muskulären und mechanischen Stärken und Schwächen ausgewählt. Das gleiche gilt auch im Gewichtheben auf höchstem Niveau. Die Ausführung von Reißen sowie Umsetzen und Stoßen, wie es zum Beispiel der ehemalige Bundestrainer Frank Mantek an den Olympiasieger von 2008 Matthias Steiner weitergegeben hat, unterscheidet sich fundamental von dem, was russische Gewichtheber wie Dmitri Klokov und die bulgarische Gewichtheberlegende Naim Sulemanoglu verwenden. Und letzterer hat in der 60-Kilo-Gewichtsklasse 190 Kilo, also mehr als das Dreifache seines Körpergewichts, umgesetzt und gestoßen und in der 60-Kilo-Gewichtsklasse Frontkniebeugen mit 240 Kilo gemacht.
Keiner von diesen Athleten hat sich durch das Ziel der Perfektion paralysieren lassen. Und jeder hat definitiv im Laufe seiner Karriere seine Technik angepasst. Mit dem großen Ziel, die Technik besser zu machen, um am Ende mehr Gewicht zu bewegen.
Die Schattenseiten von Perfektionismus und Stillstand
Das Ziel der Perfektion hat sicher seine Vorteile. Das Prinzip perfekt ist der Feind von gut sollte man auch mehr als mentalen Anker als als einen Stein gemei Regel sehen So h auch der Wunsch der Perfektion zur H antreibt die dunkle Seite der Perfektion ist viel gr Es gibt tausende mehr Beispiele, die aufgrund des Strebens nach Perfektion wenig bis keinen Fortschritt erreicht haben als High Performer, die durch Perfektionismus Riesenerfolge verzeichnet haben. Anstatt Perfektion auf dem Podest zu heben und uns am Ende davon erstarren zu lassen, muss der Fokus darauf liegen, besser zu werden. Gut statt perfekt ist wesentlich realistischer und im Schnitt auch viel erfolgreicher als perfekt.
Praktische Anwendung: Schritte in Training und Ernährung
Anstatt am perfekten Programm oder am perfekten Ernährungsprogramm zu feilen, fang an zu trainieren und deine Ernährung zu ändern. Schritt für Schritt, Step by Step, zuerst zwei Einheiten pro Woche, dann, wenn das läuft, drei Einheiten pro Woche und wenn das läuft, vielleicht sogar vier Einheiten pro Woche. Und anstatt eine neue Ernährung perfekt durchzuziehen, was nicht funktionieren wird, das ist ein statistischer Fakt, starte damit dein Frühstück zu ändern. Wahrscheinlich bist du morgens fitter, wenn du keine Kohlenhydrate oder Zucker isst.
Und wahrscheinlich bleibst du morgens fitter, ohne ein Loch und Heißhunger, wenn du morgens mehr Protein isst. Also starte den Tag damit, morgens weniger Kohlenhydrate und Zucker und mehr Protein. Anstatt ein neues Ernährungsprogramm perfekt durchzuziehen, nur damit, dass es komplett scheitert, sobald du dich nach einigen Tagen oder Wochen nicht mehr perfekt dran hältst und dann alles über Bord geworfen wird. Denn perfekt ist der Feind von gut.
Überwindung von Lähmung durch Handeln
Anstatt zu warten, bis der perfekte Zeitpunkt gekommen ist, dich im Gym oder bei einem Personal Trainer anzumelden, geh raus und mach eine Runde Bergsprints. Oder bestell dir online eine Klimmzugstange für den Türrahmen und lern Klimmzüge. Oder bestell dir ein paar verschiedene Gummibänder und lern mit deren Hilfe zu Hause Pistol Squats. Der Wunsch nach Perfektion führt häufiger zur Paralyse als zur Leistung.
Und Paralyse ist der Gegner von Fortschritt. Und Fortschritt ist gut. Und gut ist besser als perfekt. Denn gut ist realistischer und aus rein statistischer Sicht erfolgreicher als perfekt.
Identifikation von Schwachstellen durch schwere Lasten
Anstatt lange die perfekte Ausführung beim Kreuzheben mit 60 Kilo zu lernen, starte und steigere das Gewicht. Im ca maximalen Bereich werden deine Schw sichtbar und wenn dein Unterr sich beim Kreuzheben rundet dann st zuerst den Unterr mit isolierten wie Back Extensions bevor du weiter Kreuzheben machst Und wenn dein Oberrücken sich beim Kreuzheben rundet, dann stärke zuerst den Oberrücken mit isolierten Übungen wie Rudern oder auch Kreuzheben von einer Erhöhung, bevor du weiter Kreuzheben vom Boden machst. Starte und trainiere Kreuzheben, anstatt an der perfekten Technik zu fallen, ohne sich tatsächlich und nachweislich im Trainingsgewicht zu steigern.
Gute Technik reicht aus, um sicher und konstant Fortschritte zu erzielen. Perfekte Technik ist eine Illusion und genau genommen der Gegner von effektivem Training.
Technische Abweichungen im Grenzbereich
Bei tatsächlich effektivem Training geht es darum, so zu trainieren, dass man sich auf das Ziel zubewegt und nicht unbedingt darum, sicherzustellen, dass man dabei immer alles perfekt trainiert. Suboptimale Übungsausführung wird im ca. maximalen Bereich vorkommen. Wer an seinem persönlichen Limit trainiert, bei dem werden Ausweichbewegungen zu sehen sein. Selbst auf technisch höchstem Niveau gibt es bei den meisten Athleten Ausweichbewegungen.
Selbst der russische Gewichtheber Dmitry Glokow, der in der 105 Kilo Gewichtsklasse eine Bestleistung von 315 Kilo in der Kniebeuge hat, weicht bei schweren Gewichten leicht nach hinten aus. Das ist keine perfekte Kniebeuge. Und ein Zeichen für einen zu schwachen vorderen Oberschenkel. Zu schwach in Relation zur Rückseite.
Nicht perfekt, jedoch definitiv gut. Und für den Weltmeistertitel, so wie eine Medaille bei den Olympischen Spielen, hat es für ihn auch gereicht. Am Ende geht es im Training um Momentum. Momentum ist was zählt, denn ohne Momentum kein Fortschritt.
Entscheidend ist, dass man seine Trainingszeit nicht damit verschwendet, sich mit den Kleinigkeiten auseinanderzusetzen, die am Ende nicht zum Erfolg beitragen. Gute Technik ist wichtig. Gute Technik ist entscheidend, um sicher und konstant Fortschritt zu machen. Entscheidend ist, dass die Illusion der perfekten Technik nicht der guten Technik im Weg steht.
Denn perfekt ist der Feind von gut. In diesem Sinne, viel Erfolg beim Training und bis zur nächsten Episode.